Rückzugsgefecht Privatsphäre

(Ziemlich lange her, dass ich ausführlich gebloggt habe. Bin daher etwas raus, um nicht zu sagen ich war noch nie so wirklich drin.)

Im Verlauf der immer weiteren Verbreitung von digitaler Technik fürchten immer mehr Menschen um ihre Privatsphäre. Dabei richtet sich ihr Misstrauen gegen mehrere Mitspieler, zum einen staatliche Schnüffler und zum anderen private Datensammler.

Ich bin der Ansicht, dass erstere die größere Gefahr sind und wir Piraten uns daher darauf konzentrieren sollten. Das ist nicht alles. Bzw., eigentlich schon. Denn den Kampf gegen die Privaten können wir nicht gewinnen, genauso wenig wie die Contentindustrie den Kampf gegen Filesharing gewinnen kann. Aus diesem Grund sollten wir nicht zu viele Ressourcen mit diesem Rückzugsgefecht verschwenden.

Bevor mir jetzt jemand an die Gurgel springt, weil ich das vorschlage, bitte folgt erst meiner Argumentation.

Es gab mal eine Zeit, da war das Herstellen und Beschreiben von Datenträgern mit Medien aufwändig und teuer. Keine einzelne Privatperson konnte das machen. Wollte man CDs verkaufen, so brauchte man eine entsprechende Fabrik. Content kam nur in eine Richtung, von den Machern zu den Verbrauchern.
Wollte jemand widerrechtlich Kopien erzeugen, so brauchte auch er diese Produktionsmittel. Fälschungen waren das Werk des organisierten Verbrechens.

Dann kam die digitale Revolution. Heute kann das jeder, über das Netz, über selbstgebrannte CDs, DVDs, über externe Festplatten und Telefone und USB-Sticks. Festplatten werden regelrecht damit beworben, dass sie hunderttausende Musikstücke tragen können. Die Hersteller wissen dabei genau, dass niemand das Geld hat, die Platten auf legalem Wege mit Musik zu füllen. Das stört sie aber nicht.

Wie auch immer, die Folge ist, dass das ganze Medienbusiness sich umstellen muss. Informationsträger zu verkaufen funktioniert eben immer schlechter. Natürlich reagierte die Branche nicht unbedingt damit, dass sie innovative Produkte entwickelte, die ihr in der neuen Welt ein Auskommen sichern sollten, sondern mit Anwälten. Aber kein Gesetz und kein Anwalt können die Realität ausblenden: der Geist ist aus der Flasche, die Technik lässt sich nicht wieder einsperren. Das ist der Knackpunkt.
Wie allgemein bekannt ist, müsste man jede zwischenmenschliche Kommunikation überwachen, um das Kopieren zu unterbinden, den Schulhof, die E-Mailpostfächer, auch das Briefgeheimnis müsste aufgegeben werden. Selbstverständlich ist es das nicht wert und daher kämpfen wir Piraten für eine neue Gesetzgebung in Sachen “immaterielle Güter”.

Und anders als beim Staat gibt es ungezählte private Akteure. Wir können sie unmöglich alle kontrollieren und überwachen. Sie können uns direkt auch nicht schaden, anders als der Staat. Er ist ein einziger Akteur, der kontrolliert und überwacht werden kann. Und er hat das Gewaltmonopol. Er kann uns in der Nacht abholen und wegsperren. Darum müssen wir uns besonders einbringen und unsere Freiheitsrechte ihm gegenüber zu verteidigen.

Aber was hat das Ganze nun mit unseren privaten Daten zu tun? Das Sammeln von Daten, das Verbinden derselben, das kann doch nicht jeder einzelne von uns, nur große Konzerne wie z.B. Google oder Amazon. Denen kann man das doch verbieten!

Noch.

An dieser Stelle kann ich vielleicht kurz sagen, warum ich plötzlich dazu kam, diesen Blog wieder neu zu beleben. Die Idee hinter diesem Post bekam ich von einem anderen Piraten noch während des Bundestagswahlkampfs. Aber jetzt erst hat mich etwas dazu getrieben, ihn wirklich zu schreiben: Evernote. Ich möchte hier keine Werbung machen, es ist nur so, dass ich über diese Software gestolpert bin. Was tut Evernote? Nun, wie die Startseite gleich sagt ist es ein “virtuelles Gedächtnis”. Ein noch sehr krudes, zugegebenermaßen, aber immerhin. Man kann Notizen speichern, Bilder, Tonaufnahmen, alles was wichtig ist. “Und was hat das mit meinen Daten zu tun?”, fragt jetzt vielleicht der ein oder andere. Die Antwort: alles.

Um das zu erläutern möchte ich auf einen anderen Dienst verweisen. Google Picasa. Das kennen wahrscheinlich viele von euch. Man kann damit seine Bilder online verwalten. Eine nützliche Funktion ist dabei, dass man Gesichter markieren kann. Das können viele Programme (z.B. iPhoto), aber Google macht es auch online. Ich gestehe, ich bin mit dem Dienst nicht sonderlich vertraut, da ich ihn nicht benutze. Was ich aber weiß ist, sobald jemand markiert ist, kennt Google zumindest einige seiner biometrischen Daten. Nach ein paar Markierungen kann Googles Technik automatisch Leute auf Bildern finden. Und was daran nicht so toll ist? Ich muss gar nichts machen, um in Googles Datenbank zu landen. Es reicht, wenn mich jemand anderes fotografiert und dann in Picasa lädt und taggt. Das war’s. Ich weiß womöglich nicht mal, dass ich jetzt drin bin.

Aber die privaten Datensammler werden in Zukunft immer weiter in unser Leben eindringen, ohne dass wir sie wirklich regulieren könnten. Ich greife nochmal den Gedanken auf, der mir während des Wahlkampfs präsentiert wurde. Eine vielleicht gewagte Prophezeiung:

Es ist das Jahr 2025. Wirklich jeder hat mittlerweile ein Smartphone. Sie sind kleine Superrechner, haben Terabyte an Speicherplatz, hochentwickelte Sensoren die alles um sich herum aufnehmen können, hohe Rechenleistung, die ideal für Mustererkennung und ähnliches ist (ok ok, bis auf die Sensoren ist das nicht unbedingt nötig, könnte auch die Wolke übernehmen; es ist aber nicht reine Sci-Fi) und sind über Breitbandverbindungen ständig mit dem Netz verbunden. Auf ihnen läuft vielleicht so etwas wie Android 10.0 oder iPhone OS 15, oder was weiß ich. Worauf es ankommt ist, dass sie einen neuen Dienst anbieten. Er wird z.B. Google Memory heißen. Der ultimative Komfort. Das Smartphone registriert einfach alles, was um einen herum passiert und synchronisiert seine “Erinnerungen” mit den Servern im Netz. Durch die steigende Verbreitung von optischen Interfaces (Kontaktlinsen, Brillen, …) sieht das Gerät wirklich, was auch der Träger sieht, oder sogar mehr.
Nie wieder muss man etwas vergessen. Das Restaurant, das einem heute empfohlen wurde, wie hieß das nochmal? Google Memory weiß es. Was sollte man nochmal heute Abend erledigen? Google Memory weiß es und hat es gleich noch in Google Tasks eingetragen, was rechtzeitig eine Benachrichtigung sendet. Natürlich hat sich auch eine Gruppe von Usern gebildet, die ein globales Gedächtnis will. Dezentral, frei von Google und zugänglich für Jedermann. Und wenn ich nicht in diese Datenbanken will? Vielleicht kann man sich eintragen, damit das System einen automatisch entfernt. Kontrolle über die Aufnahmen hätte man ja nicht, es reicht wenn ein Nutzer an mir vorbeiläuft und das Gedächtnis mich mitnimmt. Vielleicht wird die eigene Zurückhaltung aber auch Nachteile haben? Warum bist du nicht im globalen Gedächtnis? Was hast du zu verbergen? Jeder hat Jugendsünden begangen, wenn sie immer von allen für alle offenliegen, vielleicht wird man dann auch toleranter?

Was können wir dagegen tun? “Memory.google.com” sperren? Eine Zensurinfrastruktur im Netz errichten um unsere privaten Daten zu schützen? Der Gedanke mutet vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten grotesk an. Es würde mich dennoch nicht wundern, wenn sich in X Jahren, wenn die Piratenpartei selbst versumpft ist und solche Absurditäten fordert, eine neue Gruppe gründen würde, die für so eine Freiheit im Netz kämpft. Die Freiheit nicht mehr zu vergessen.

Wir werden eine Armee von computerisierten Sklaven haben. Geschaffen nur für unseren Komfort und Luxus. Sie lesen uns jeden Wunsch von den Lippen ab. Und der Preis ist “nur” unsere Privatsphäre.

Verrücktes Horrorszenario oder “traurige” Wahrheit? Ich habe extra ein Plugin für threaded Comments installiert, also tobt euch aus.

1 Response to “Rückzugsgefecht Privatsphäre”


  1. 1 Christian Kalkhoff

    Die Privaten in Europa werden (noch) durch die Gesetzgebung eingeschränkt. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, weiss ich nicht. In den USA läuft sehr viel über den Markt und Selbstverpflichtungen. Das klingt erstmal sehr wischiwaschi und passt nicht so recht zum europäischen Selbstverständnis vom starken Staat. Allerdings sind in den USA Verstöße gegen Compliance-Richtlinien für ein Unternehmen unter Umständen das Ende. Kann sich jemand daran erinnern, dass irgendein europäisches Unternehmen jemals wegen Datenschutzvergehen (oder Korruption) von Vergabeverfahren ausgeschlossen oder gar finanziell durch eine Klagewelle platt gemacht wurde? Eine Verurteilung wegen Datenverlust in Europa kommt bei den meisten Bürgern nicht wirklich an. Es werden ein paar Bauern geopfert und das war es dann. In den USA kann das Unternehmen in Haftung genommen werden. Aus diesem Grund ist z.B. Safe Harbor nicht so zahnlos wie oft vermutet.

    Der Staat selbst (oder der Staatenbund Europa) muss wieder stärker den Grundsatz der Datenarmut verfolgen. Im Gegensatz zu z.B. Google sind wir nämlich gezwungen, unsere Verkehrs-, Lohn- oder was auch immer für Daten an den Staat abzudrücken (bzw. wir werden nicht gefragt). Und hier sehe ich definitiv, genau wie du, den Handlungsgrund für die Piratenpartei.

Comments are currently closed.

Twitter